Die Literaturklassiker

Technik und Fortschritt, die das Leben der Neuzeit prägen und das wirtschaftliche Leben bestim­men, lagen durch viele Jahrhunderte den Menschen fern, waren keine bedeutsamen Inhalte ihrer Wünsche und Visionen. Das Schöpferische sah man in der Natur, und diese als Ausdruck des einen Schöpfers, des Göttlichen.

Der antike Genius lag der Weisheit näher als der Technik, Inspiration und Intuition waren mystische Quellen von Wissen und Wahrheit, das Schöpferische fand nahezu alleine Ausdruck in Dichtung und bildender Kunst.

Kurzum: Der Begriff Kreativität, wie wir ihn heute gebrauchen, war bis in das neunzehnte Jahrhundert vorstellungshaft nicht ausgeformt.

Meist stellen wir die Namen Francis Bacon (1561-1626) und René Descartes (1596-1650) an den Beginn der Neuzeit, als Wendepunkte zu Rationalismus und Materialismus, zur Erforschung und Beherrschung der Natur. Doch trug ein Jahrhundert zuvor das vielleicht größte Genie der Weltge­schichte entscheidend dazu bei, dem erkundenden Geist das Tor in die Freiheit zu öffnen: Leonardo da Vinci (1452-1519), von keinem anderen Menschen in der Vielfalt seiner schöpferischen Werke als Künstler, Forscher und Erfinder erreicht. Leonardo verkörperte als erster Mensch jenen Begriff von Kreativität, der unserem gegenwärtigen Verständnis am Weitestgehenden entspricht: Aus der Erfah­rung und Beobachtung die Natur der Dinge zu entschlüsseln, ihre Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten überprüfbar zu erfassen, um so gewonnene Erkenntnis in erfinderische Gestalt zu wandeln. Leonardo erbrachte den ersten Nachweis, zu welch beeindruckenden – und folgenschweren – Gebilden die Menschheit in kurzer Spanne gelangen kann. Doch seine Epoche war nicht frei genug, um den objek­tiven Wissenschaften bereits endgültig den Weg zu ebnen. Selbst noch Leibniz, Descartes und vor allem Spinoza mussten ihre Werke vor intoleranten kirchlich-staatlichen Religionsauffassungen ver­bergen, bis Geister wie Locke, Swedenborg, Voltaire, Hume, Byron, Goethe, Kant, Hegel, Lichtenberg, Emerson oder Kierkegaard jene Räume des Denkens und Handelns schufen, die wir heute ausfüllen können – und dies möglicherweise im Schwunge der Freiheit zu unbekümmert unternahmen.

Natürlich waren sich die Menschen ihrer Befähigung zu denken und ihrer seelischen Empfindungen immer bewusst. Doch bis in die jüngere Neuzeit blieben die Ansätze vereinzelt, die Strukturen, Me­chanismen und Abläufe von Denkprozessen zu untersuchen oder Einflüsse und Wechselwirkungen auf das Denkvermögen zu erkunden. Die gegenwärtige akademische Psychologie, die man aus der Vereinigung von Philosophie und Physiologie hervorgegangen sieht, begann mit der Gründung des ersten psychologischen Laboratoriums von W. Wundt 1879 an der Universität Leipzig. Wir stellen jedoch fest, dass die Erforschung der schöpferischen Fähigkeiten – im Gegensatz zu vielen Bemü­hungen zur Beschreibung und Messung von Intelligenz – lange Zeit vernachlässigt blieb und lediglich ein Gebiet von Randinteresse war. Nach Siegfried Preiser fanden sich in den Jahren 1927 bis 1949 unter insgesamt 121.000 psychologischen Arbeiten gerade mal 186 für Kreativität relevante Titel – verschwindende 1,5 Promille.

Ausführlichere Studien und Ergründungen von kreativen Denk- und Problemlösungsprozessen blieben bis in die fünfziger Jahre selten. Als herausragende Forscherpersönlichkeiten in der ersten Jahrhun­derthälfte gelten Max Wertheimer (1880-1943) und Wolfgang Köhler (1887-1967), die zusammen mit Kurt Koffka (1886-1941) die Berliner gestaltpsychologische Schule gründeten, sowie Karl Duncker (1903-1940), der an die Arbeiten von Wertheimer und Köhler anschloss. Max Wertheimers grundle­gende Ausführungen über „produktives Denken" (es kann als Synonym für „kreatives Denken" ver­standen werden), wurden posthum veröffentlicht.

Die Werke von Duncker und Wertheimer flossen auch in die später intensivierte Kreativitätsforschung als Pioniererkenntnisse über Prozesse des kreativen Denkens ein. Sie wären vielleicht ohne weitrei­chendere Bedeutung geblieben, hätten nicht zwei Ereignisse Kreativität aus den hinteren Schubladen der Psychologie ans Licht geholt und ihr zu unerwarteter Aufmerksamkeit verholfen: Ein Vortrag mit dem Titel „Creativity" des amerikanischen Psychologen J.P. Guilford vor der American Psychological Assoziation am 5. September 1950 (der von der Gesellschaft für Kreativität geförderte „Tag der Krea­tivität" wurde an das Datum dieses Vortrages geknüpft), sowie – und von noch größerem Anschub – der Start des russischen Sputniks 1957 in das Weltall. Kreativität geriet also keineswegs der Künste oder Schöngeistigkeit wegen in plötzliches Interesse, sondern als Befähigung zur Erzielung wirtschaft­licher und zunächst vor allem militärtechnischer Fortschritte. In seinem Beitrag „Traits of Creativity" (1959) führt Guilford in diesem Sinne unumwunden aus: „The most urgent reason is that we are in a mortal struggle for the survival of our way of life in the world. The military aspect of this struggle, with its race to develop new weapons and new strategies has called for a stepped-up rate of invention." Kein Wunder also, dass amerikanische Militär- und Weltraumbehörden die Erforschung und Förde­rung kreativer Erfindungsprozesse mit beträchtlichen Budgets unterstützten.

Die späten 50er und 60er Jahre können als Pionierzeitraum der Kreativitätsforschung bezeichnet wer­den, die ihr Zentrum ganz eindeutig in den USA hatte, während die europäische Wirtschaft noch mit dem Wiederaufbau beschäftigt war und auch von Japan aus den selben Gründen keine Impulse ka­men. Amerika befand sich in der technischen Hochblüte, jedes von der NASA entwickelte und in die kommerzielle Nutzung gelangte Produkt wurde mit ehrfürchtigem Respekt bestaunt und es kursierte das Schlagwort von der „amerikanischen Herausforderung" (Jean-Jaques Servan-Schreiber), der sich die europäischen Unternehmen zu stellen hätten und das die Vision eines Vereinten Europas nährte.

Unabhängig vom militärtechnischen Großinteresse gab es freilich schon frühzeitig vereinzelte Unter­nehmen, die sich in die Förderung von Kreativität engagierten, wie Boeing, Dow Chemical oder das ESSO Research Center. General Electric begann sogar bereits 1937 mit einem „Creative Engineering Programm", das Verhaltensänderungen zu größerer Originalität bewirken sollte. Aber erst 25 bis 30 Jahre später, als immer mehr NASA-Erfindungsmeldungen in die Wirtschaftspresse gelangten, ver­breitete sich das Interesse der Industrie an Methoden und Techniken zur Steigerung der kreativen Problemlösungsfähigkeit rasant. Die Frohbotschaften über die Erfolge methodischen Erfindens dran­gen alsbald bis nach Europa und Deutschland, zunächst jedoch nur in wenig fassbare Schlagworte verdichtet. Ende der sechziger Jahre fand dann die Gordon'sche Methode „Synectics" (auf dem Mili­tär- und Weltraumsektor bestens erprobt) in Bernd Rohrbach ihren ersten deutschen Missionar, der diese Methode – nun in „Synektik" eingedeutscht – mit großer Resonanz verbreitete. Von überaus mächtigem Anschub war sodann die 1971/72 als „mulit-client-project" vom Frankfurter Battelle-Institut durchgeführte Studie „Methoden und Organisation der Ideenfindung" (Projektteam: Horst Geschka, Götz Schaude und Helmut Schlicksupp). Diese wurde gemeinsam von etwa einhundert Unternehmen der Crême-de-la-Crême der Deutschen Industrie und einiger Nachbarländer finanziert. Die Battelle-Studie bildet noch heute die gültige Basis für die Behandlung von Kreativitätstechniken in der deutschsprachigen Literatur, beinhaltete die Neuentwicklung eines guten Dutzends bis dahin nicht bekannter Methoden und war der Auslöser einer dynamischen Bedeutungsaufwertung des Phäno­mens Kreativität in Deutschland und Europa während der 70er Jahre. Aus diesem „historischen" Grunde umfassen die nachfolgenden „Literatur-Klassiker" impulsgebende Werke über

Kreativität und Innovation von den ersten Pioniertagen bis in das Jahr 1980 – der endgültig abgesi­cherten Etablierung der Förderung und Praxis von Kreativität in Wirtschaft und Gesellschaft.

Dr. Helmut Schlicksupp

2007